Verwaltungsgericht München Urteil, 04. Juli 2018 - M 18 K 17.324

bei uns veröffentlicht am04.07.2018

Tenor

I. Das Verfahren wird eingestellt, soweit die Parteien das Verfahren übereinstimmend für erledigt erklärt haben.

II. Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.

III. Die Kläger haben die Kosten des Verfahrens zu tragen. Gerichtskosten werden nicht erhoben.

Tatbestand

Die Kläger begehrten zuletzt die Aufhebung des Bescheids vom 28. Dezember 2016 sowie die Feststellung und Verpflichtung der Beklagte, die Kosten für einen selbstbeschafften Betreuungsplatz in einer privaten Kinderkrippe zu erstatten.

Die Kläger zu 1) und 2) sind die Eltern der am … geborenen Klägerin zu 3). Bereits am … schlossen die Kläger zu 1) und 2) einen Vertrag mit der privaten Kindertageseinrichtung W., die die Klägerin zu 3) ab dem … ganztägig besuchte. Am … meldeten sie die Klägerin zu 3) über den Kita-Finder der Beklagten zum … für verschiedenste Einrichtungen an. Daraufhin erhielten sie eine Zusage, die jedoch wegen der Entfernung von 10 km zur Wohnung und abseits vom Arbeitsweg von den Klägern zu 1) und 2) als unzumutbar angesehen und daher abgelehnt wurde.

Mit per E-Mail versandtem Schreiben vom 20. Juni 2016 beantragten die Kläger zu 1) und 2) bei der Beklagten einen monatlichen Zuschuss zu den Krippenkosten, die … im Monat betragen würden. Trotz frühzeitiger Anmeldung habe die Familie zwanzig Absagen von Kindertageseinrichtungen erhalten.

Mit Schreiben der Beklagten vom 21. Juni 2016 wurden das Formular des Antrags auf wirtschaftliche Jugendhilfe an die Kläger übersandt sowie genaue Einkommensnachweise angefordert. Nach Übersendung aller notwendigen Unterlagen mit Schreiben der Kläger vom 6. Oktober 2016 erging am 28. Dezember 2016 der streitgegenständliche Bescheid, mit dem der Antrag der Kläger zu 1) und 2) auf Gewährung von Hilfe in Form von Übernahme eines Teilnahmebeitrages für den Besuch einer Kindertagesstätte für die Klägerin zu 3) abgelehnt wurde. Zur Begründung wurde vor allem ausgeführt, dass das Einkommen der klägerischen Familie die Einkommensgrenze aus § 85 Abs. 2 SGB XII um … Euro monatlich übersteige. Der Bescheid wurde den Klägern mit Postzustellungsurkunde am 3. Januar 2017 zugestellt.

Ab dem … besuchte die Klägerin zu 3) die private Kindertageseinrichtung T., die monatlich … kostete.

Mit Schreiben des Bevollmächtigten der Kläger vom 20. Januar 2017 bestellte sich dieser gegenüber der Beklagten.

Der Bevollmächtigte erhob mit Schriftsatz vom 24. Januar 2017 Klage zum Bayerischen Verwaltungsgericht München und stellte folgende, in der mündlichen Verhandlung vom 4. Juli 2018 korrigierten Anträge:

1. Der Bescheid der Beklagten vom 28. Dezember 2016 wird aufgehoben.

2. Es wird festgestellt, dass die Beklagte die Betreuungskosten in Höhe von … monatlich für die private Kindertagesstätte W. bis zum 11. September 2017 zu erstatten hat, bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres der Klägerin zu 3), solange den Kläger kein zumutbarer Platz in einer städtischen Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege durch die Beklagte bereitgestellt werde. Die Beklagte hat ab dem 11. September 2017 … monatlich zu erstatten für die Tageseinrichtung T.

3. Die Beklagte wird verpflichtet, die bisher angefallenen Betreuungskosten für die W. rückwirkend ab dem 1. April 2016 zu übernehmen, das heißt … € inklusive Aufnahmegebühr für die Zeit von April 2016 ist September 2017 an die Kläger zu entrichten, zuzüglich Zinsen in Höhe von fünf Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit Rechtshängigkeit. Die Beklagte wird verpflichtet, ab dem 11. September 2017 für die Tageseinrichtung T. monatlich …, mithin bis zum heutigen Tage, mithin …, zzgl. 5% Zinsen über dem Basiszinssatz seit dem 11. September 2017.

4. Die Beklagte wird hilfsweise zur Bereitstellung eines Platzes in einer städtischen Tageseinrichtung verpflichtet.

Zur Begründung führte der Bevollmächtigte insbesondere aus, dass im Bescheid vom 28. Dezember 2016 die Übernahme der Kosten in Höhe von … € monatlich zzgl. … Aufnahmegebühr abgelehnt worden sei. Der Klägerin zu 3) stehe ein Anspruch aus § 24 SGB VIII auf Bereitstellung eines ortsnahen Kindertageseinrichtungsplatzes zu. Wegen der fehlenden Bereitstellung eines solchen Platzes durch die Beklagte habe sich dieser Anspruch in einen Kostenerstattungsanspruch nach § 36a Abs. 3 SGB VIII umgewandelt. Der Betreuungsbedarf sei der Beklagten seit der Anmeldung der Klägerin zu 3) im Kita-Finder bekannt gewesen. Die Kläger zu 1) und 2) hätten in der Folgezeit schriftlich und mündlich gegenüber der Beklagten deutlich gemacht, dass es darum gehe, überhaupt einen Betreuungsplatz zu erhalten und nicht um einen Platz in einer bestimmten Einrichtung. Die Annahme der Beklagten, dass der Förderbedarf durch den selbstbeschafften Platz in der Tageseinrichtung W. gedeckt sei, sei systemwidrig. Wegen des Kindeswohles werde ein Verbleib der Klägerin zu 3) in der bisherigen Einrichtung befürwortet. Aufgrund der fehlenden Bereitstellung entstünden den Kläger nun erhebliche Mehrkosten durch die Betreuung in der Einrichtung W.

Mit Schreiben der Beklagten vom 15. März 2017 wies die Beklagte den Klägern einen Betreuungsplatz in der Einrichtung H. ab ca. Ende September 2017 nach, der jedoch unter dem Vorbehalt einer ausreichenden Personalausstattung stehe. Nach einer Telefonnotiz der Beklagten mit der Einrichtung H. vom 22. März 2017 habe die Leitung von H. mitgeteilt, dass sich die Kläger zwar gemeldet, den Platz jedoch mangels sofortiger Verfügbarkeit abgesagt hätten.

Mit Schreiben vom 22. Mai 2017 beantragte die Beklagte,

die Klage abzuweisen.

Zur Begründung wurde ausgeführt, dass die Klägerin zu 3) bezüglich der Anträge zu 2, 3 und 4, die Kläger zu 1) und 2) lediglich bezüglich des Antrages Nr. 1 als aktivlegitimiert anzusehen seien. Der Rechtsanspruch nach § 24 Abs. 2 SGB VIII werde nicht bereits mit dem Anmelden für konkrete städtische Kinderkrippen geltend gemacht, sondern erst mit der Anmeldung bei der Kita-Elternberatungsstelle, was vorliegend nicht erfolgt sei. Es sei gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern umfassend über die Kita-Elternberatungsstelle, ehemals Kita-Servicestelle, als Ansprechpartnerin in Bezug auf den Rechtsanspruch informiert worden. Vorliegend sei erst bei Klageerhebung der Anspruch aus § 24 SGB VIII erstmalig geltend gemacht worden, sodass der Anspruch aus § 24 Abs. 2 SGB VIII erst drei Monate nach Rechtshängigkeit der Klage am 30. April 2017 fällig geworden sei. Der Rechtsanspruch nach § 24 Abs. 2 SGB VIII werde durch alle förderfähigen Kindertageseinrichtungen unabhängig von dem jeweiligen Träger und der Höhe der Elternbeiträge erfüllt. Da die Klägerin zu 3) zum Zeitpunkt der Geltendmachung bereits über einen Platz verfügt habe bzw. spätestens mit dem Nachweis des Platzes in der Einrichtung H., sei der Primäranspruch nach § 24 Abs. 2 SGB VIII erfüllt gewesen, sodass kein Sekundäranspruch in Betracht komme. Falls keine Erfüllung eingetreten sei, hätten die konkreten Plätze in den privaten Kindertagesstätten von der Beklagten nachgewiesen werden können, sodass insofern auch keine Mehrkosten angefallen seien. Der von den Klägern vorgelegte Vertrag mit der Betreuungseinrichtung W. enthalte einen erheblich anderen Betrag als die vorgelegte Bescheinigung der Einrichtung W. Eine Erstattung der Kosten für einen Betreuungsplatz sei nur über § 90 Abs. 3 SGB VIII möglich. Ein Anspruch nach § 90 Abs. 3 SGB VIII stehe den Klägern wegen der Höhe des verfügbaren Familieneinkommens jedoch nicht zu. Der Bescheid vom 28. Dezember 2016 sei rechtmäßig.

Auf das gerichtliche Hinweisschreiben vom 16. März 2018 äußerte sich die Beklagte mit Schreiben vom 4. April 2018 und führte ergänzend aus, dass wegen der Möglichkeit des Nachweises der von der Klägerin zu 3) besuchten Plätze in den Einrichtungen W. und T. kein Mehraufwand für die Kläger entstanden sei.

Mit Schriftsatz vom 11. Mai 2018 nahm der Bevollmächtigte der Kläger dahingehend Stellung, dass der Jugendhilfeträger - insbesondere als kreisfreie Stadt bei der Wahrnehmung einer Doppelrolle - nicht einem Teil des anspruchsberechtigten Personenkreises einen „günstigen“ Platz in einer eigenen oder kommunalen Einrichtung verschaffen könne, während der andere anspruchsberechtigte Personenkreis auf „weniger günstige“ oder gar „erheblich teurere“ Einrichtungen eines freigemeinnützigen oder privaten Trägers verwiesen werde. Das Bundesverwaltungsgericht habe deutlich gemacht, dass der Anspruch aus § 24 SGB VIII in die Entscheidung über eine (Teil-)Kostenübernahme nach § 90 SGB VIII hineingelesen werden müsse. Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 26. Oktober 2017 (Az. 5 C 19/16) sei auf den vorliegenden Fall nicht übertragbar, da von der Beklagten gar keine Angebote zur Kindertagespflege gemacht worden seien und keine Einzelfallprüfung einer unzumutbaren finanziellen Belastung der Kläger stattgefunden habe.

Am 4. Juli 2018 fand die mündliche Verhandlung statt, in der die Parteien das Verfahren hinsichtlich des Klageantrags Nr. 4 übereinstimmend für erledigt erklärt haben und das Gericht auf die Zweifel an der Zulässigkeit hinsichtlich der im Übrigen gestellten Klageanträge hinwies.

Wegen der weiteren Einzelheiten wird ergänzend auf die Gerichts- und Behördenakte sowie auf das Protokoll der mündlichen Verhandlung verwiesen.

Gründe

Soweit die Parteien das Verfahren bezüglich des Klageantrages Nr. 4 in der mündlichen Verhandlung übereinstimmend für erledigt erklärt haben, wird das Verfahren eingestellt, § 92 Abs. 3 Satz 1 VwGO analog.

Im Übrigen ist die Klage größtenteils unzulässig, mindestens unbegründet.

Der Klageantrag Nr. 1, mit dem die Aufhebung des ablehnenden Bescheides der Beklagten vom 28. Dezember 2016 begehrt wird, ist unzulässig.

Zu Gunsten der Kläger geht das Gericht gemäß § 88 VwGO insoweit davon aus, dass dieser Antrag lediglich von den Klägern zu 1) und 2) als Adressat des streitgegenständlichen Bescheids gestellt wird. Die Anfechtungsklage ist jedoch unstatthaft. Statthafte Klageart wäre eine Verpflichtungsklage nach § 42 Abs. 1 Alternative 2 VwGO gewesen, da die Kläger zu 1) und 2) geltend machen wollen, dass ihnen entgegen des ablehnenden Bescheides vom 28. Dezember 2016 ein Anspruch aus § 90 Abs. 3 SGB VIII in Verbindung mit den §§ 82 ff. SGB XII zusteht. Eine Aufhebung des streitgegenständlichen Bescheides ohne eine Verpflichtung der Beklagten würde nicht dazu führen, dass sich die Rechtsposition der Kläger zu 1) und 2) verbessert. Trotz Hinweises des Gerichts in der mündlichen Verhandlung hielt der Klägerbevollmächtigte den Klageantrag jedoch in dieser Weise aufrecht.

Nur hilfsweise weist das Gericht darauf hin, dass an der dem Bescheid zu Grunde liegenden Berechnung und der Rechtmäßigkeit des streitgegenständlichen Bescheides keine Zweifel bestehen. Selbst bei Einbeziehung der neuen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG, U.v. 26.10.2017, 5 C 19/16, juris - Leitsatz 3, Rn. 47) ergibt sich kein Anspruch der Kläger zu 1) und 2) auf (Teil)Übernahme des Teilnahmebeitrages wegen der Überschreitung der maßgeblichen Einkommensgrenze durch das Familieneinkommen mit fast … € monatlich.

Auch der Klageantrag Nr. 2 auf Feststellung einer Kostenerstattungspflicht ist unzulässig. Insoweit geht das Gericht gem. § 88 VwGO davon aus, dass der Antrag lediglich von der Klägerin zu 3) gestellt wurde.

Nach § 43 Abs. 2 Satz 1 VwGO kann eine Feststellung nicht begehrt werden, soweit der Kläger seine Rechte durch Gestaltung oder Leistungsklage verfolgen kann oder hätte verfolgen können. Diese sogenannte Subsidiarität der Feststellungsklage führt vorliegend zur Unzulässigkeit dieses Klageantrages. Statthafte Klageart für die Geltendmachung des Sekundäranspruchs nach § 36a Abs. 3 SGB VIII analog wäre eine Verpflichtungsklage, die eine Unterart der Gestaltungsklage ist, da die Erstattung von Kosten für die selbstbeschaffte Leistung nach § 36a SGB VIII einen Verwaltungsakt darstellt (vgl. Stähr in Hauck/Noftz, SGB, Stand 12/14, § 36a Rn. 54; Pietzcker in Schoch/Schneider/Bier, VwGO, Stand Juni 2017, § 42 Rn. 33 m.w.N.; BSG, U.v. 9.2.1989 - 3 RK 19/87 -, juris Rn. 20). Eine Verpflichtungsklage wurde im Übrigen auch mit dem Klageantrag Nr. 3 erhoben, so dass darüber hinaus eine unzulässige doppelte Geltendmachung erfolgte.

Der Klageantrag Nr. 3 ist zulässig, jedoch unbegründet.

Insoweit geht das Gericht gem. § 86 VwGO zugunsten der Kläger davon aus, dass der Antrag lediglich von der Klägerin zu 3) gestellt wird. Die Klage ist unbegründet, da der Klägerin zu 3) kein Anspruch auf Übernahme der Aufwendungen für die selbstbeschafften Betreuungsplätze in den Tageseinrichtungen W. und T. zusteht, § 113 Abs. 5 VwGO.

Weder hat die Klägerin bzw. ihre gesetzlichen Vertreter die Beklagte in hinreichendem Umfang über den Bedarf vor der Selbstbeschaffung in Kenntnis gesetzt, noch sind erstattungsfähige (Mehr-)Aufwendungen durch die Selbstbeschaffung entstanden.

Der Träger der öffentlichen Jugendhilfe ist nach § 36a Abs. 3 Satz 1 SGB VIII für den Fall, dass Hilfen abweichend von § 36a Absätzen 1 und 2 SGB VIII vom Leistungsberechtigten selbst beschafft werden, zur Übernahme der erforderlichen Aufwendungen nur verpflichtet, wenn

  • 1.der Leistungsberechtigte den Träger der öffentlichen Jugendhilfe vor der Selbstbeschaffung über den Hilfebedarf in Kenntnis gesetzt hat,

  • 2.die Voraussetzungen für die Gewährung der Hilfe vorlagen und

  • 3.die Deckung des Bedarfs a) bis zu einer Entscheidung des Trägers der öffentlichen Jugendhilfe über die Gewährung der Leistung oder b) bis zu einer Entscheidung über ein Rechtsmittel nach einer zu Unrecht abgelehnten Leistung keinen zeitlichen Aufschub geduldet hat.

Nach der aktuellen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts findet § 36a Abs. 3 Satz 1 SGB VIII für jugendhilferechtliche Leistungen, welche die frühkindliche Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege im Sinne des § 24 Abs. 2 SGB VIII betreffen, entsprechend Anwendung (BVerwG, U.v. 26.10.2017 - 5 C 19/16; U.v. 12.9.2013 - 5 C 35/12 - jeweils juris).

Die Klägerin zu 3) hatte gegenüber der Beklagten aus § 24 Abs. 2 Satz 1 SGB VIII einen Anspruch auf Nachweis eines bedarfsgerechten Betreuungsplatzes ab Vollendung des ersten Lebensjahres und damit ab dem 19. Mai 2016, hingegen noch nicht für den in der Klage ebenfalls zu Grunde gelegten Zeitraum vom 1. April 2016 bis zum 18. Mai 2016.

Allerdings hat sie bzw. haben ihre Eltern diesen Anspruch gegenüber der Beklagten nicht in ausreichendem Umfang geltend gemacht. Die ausschließlich erfolgte konkrete Anmeldung bei städtischen Tageseinrichtungen allein genügt hierfür nicht (vgl. bereits VG München, B.v. 8.1.2014 - M 18 E 13.4877 - juris Rn. 12). Vielmehr muss der Wille, nicht nur den einrichtungsbezogenen Anspruch aus Art. 21 Abs. 1 BayGO, sondern den Rechtsanspruch aus § 24 Abs. 2 SGB VIII geltend zu machen, hinreichend deutlich hervortreten. Denn nur in diesen Fällen kann (und muss) die Gemeinde bzw. der örtlich zuständige Jugendhilfeträger erkennen, dass sich der Bedarf des Anspruchsberechtigten nicht lediglich auf die konkret angefragten Einrichtungen beschränkt und im Hinblick auf den durch § 24 Abs. 2 SGB VIII gewährten Rechtsanspruch bislang unerfüllt geblieben ist (vgl. BayVGH, U.v. 22.7.2016 - 12 BV 15.719 - juris Rn. 25). Hingegen ist für die Geltendmachung nicht erforderlich, dass die innerorganisatorische Zuständigkeitsverteilung beachtet wird, vielmehr sind entsprechende Anträge ggf. weiterzuleiten, § 16 Abs. 2 Satz 1 SGB I (vgl. BayVGH, B.v. 17.11.2015 - 12 ZB 15.1191 - juris Rn. 18f). Ebenso wenig bedarf es für die Geltendmachung und damit den Beginn des Fristlaufs nach Art. 45a AGSG weiterer konkretisierender Angaben, so dass auch nicht auf den Rücklauf des von der Beklagten bereitgestellten Formulars abgestellt werden kann (vgl. BayVGH, U.v. 22.7.2016 - 12 BV 15.719 - juris Rn. 26).

Dementsprechend wurde die Beklagte durch die alleinige Anmeldung bei den städtischen Einrichtungen über den Kita-Finder am 27. Januar 2016 nicht über den allgemeinen baldigen Bedarf der Klägerin in Kenntnis gesetzt. Auch in den Schreiben der Eltern des Klägers vom 20. Juli und 6. Oktober 2016 ist keine Inkenntnissetzung zu sehen, denn mit diesen Schreiben wurde ausschließlich ein „Zuschuss zu den Krippenkosten“ geltend gemacht, ein Hinweis auf einen weiterhin bestehenden Bedarf und einen Wechselwillen in eine andere Einrichtung findet sich darin nicht.

Die Selbstbeschaffung des Platzes bei der privaten Einrichtung am 20. Juli 2015 zum 1. April 2016 erfolgte somit ohne vorherige Inkenntnissetzung und - zumindest für einen Teil des streitgegenständlichen Zeitraums - auch ohne nachträgliche Bedarfsmeldung. „Der Rechtsanspruch aus § 24 Abs. 2 SGB VIII wurde daher … schon gar nicht erst effektuiert und das staatliche System der Jugendhilfe überhaupt nicht aktiviert, weder primär noch im Wege des Aufwendungsersatzes sekundär. Das Jugendamt kann in einem solchen Fall auch später nicht als reine „Zahlstelle“ in Anspruch genommen bzw. „missbraucht“ werden“ (BayVGH, U.v. 22.7.2016 - 12 BV 15.719 - juris Rn. 63 m.w.N.).

Erst mit Klageerhebung vom 24. Januar 2017, der Beklagten am 30. Januar 2017 zugegangen, wurde in Antrag Nr. 4. hilfsweise geltend gemacht, dass ein anderer Betreuungsplatz begehrt werde.

Nach § 24 Abs. 6 SGB VIII i.V.m. Art. 45a AGSG wird der Beklagten eine Frist von drei Monaten ab Inkenntnissetzung über einen Bedarf nach § 24 Abs. 2 SGB VIII eingeräumt, bis zu deren Ablauf ein Nachweis erfolgen soll. Somit ist der Primäranspruch und damit auch der Sekundäranspruch auf Kostenerstattung frühestens ab dem 30. April 2017 fällig (BVerwG, U.v. 26.10.2017, Az. 5 C 19/16 - juris Rn. 52).

Unabhängig von der fehlenden Bedarfsmeldung sind der Klägerin zu 3) auch keine erstattungsfähigen Mehrkosten entstanden, so dass dahinstehen kann, ob durch die Ablehnung des im Kita-Finder zugesagten Platzes oder den Nachweis des Platzes in der Einrichtung H. der Anspruch der Klägerin zu 3) aus § 24 Abs. 2 SGB VIII erfüllt wurde. Denn der Träger der öffentlichen Jugendhilfe hat im Fall der zulässigen Selbstbeschaffung eines kostenpflichtigen Betreuungsplatzes in analoger Anwendung von § 36a Abs. 3 Satz 1 SGB VIII nur die Aufwendungen zu übernehmen, die das nach § 24 Abs. 2 Satz 1 SGB VIII anspruchsberechtigte Kind bei rechtzeitigem und ordnungsgemäßem Nachweis eines Betreuungsplatzes nicht hätte tragen müssen (BVerwG, U.v. 26.10.2017 - 5 C 19/16 - Leitsatz 4 - juris Rn. 69 ff.). Sofern folglich - wie vorliegend - kein Recht auf die kostenfreie Inanspruchnahme eines Betreuungsplatzes besteht, beschränkt sich der Sekundäranspruch auf die Mehrkosten, die gerade durch die Selbstbeschaffung entstanden sind. Nicht beansprucht werden können die Aufwendungen, die ohnehin zu tragen gewesen wären. Zu Letzteren gehören die hier streitigen Aufwendungen. Denn die Beklagte hätte den Platz bei der selbstgesuchten Einrichtung auch anspruchserfüllend nachweisen können (vgl. BVerwG, a.a.O., Rn. 75). Aus § 24 Abs. 2 SGB VIII ergibt sich weder ein Anspruch auf Nachweis eines Betreuungsplatzes in einer Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Trägers, noch ist die Höhe des dort zu entrichtenden Teilnahmebeitrags beschränkt (vgl. ausführlich hierzu BVerwG, a.a.O.). Die von den Eltern die Klägerin gewählten Einrichtungen erhalten sowohl staatliche wie auch kommunale Förderung und hätte daher anspruchserfüllend vermittelt werden können. Mehrkosten sind demnach nicht entstanden.

Bezüglich des Argument des Bevollmächtigten, dass alle Anspruchsberechtigten gleich behandelt werden sollten, ist anzumerken, dass die vom Bevollmächtigten zitierte Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes vom 22. Juli 2016 (Az. 12 BV 15.719) durch die Bundesverwaltungsgerichtsentscheidung vom 26. Oktober 2017 aufgehoben wurde und sich das Bundesverwaltungsgericht ausdrücklich diese Argumentation des Verwaltungsgerichtshofes zu § 36a Abs. 3 SGB VIII nicht zu eigen machte (BVerwG, a.a.O., Rn. 48). Eine Annäherung an eine Gleichbehandlung sollte vielmehr ausschließlich über die Regelungen des § 90 Abs. 3 SGB VIII erfolgen.

Der Klägerin zu 3) steht kein Anspruch auf Kostenerstattung nach § 36a Abs. 3 Satz 1 SGB VIII zu. Die Klage war daher abzuweisen.

Die Kostenentscheidung beruht hinsichtlich des übereinstimmend für erledigt erklärten Teils der Klage auf § 161 Abs. 2 S.1 VwGO. Billigem Ermessen entspricht es, den Klägern auch insoweit die Kosten ganz aufzuerlegen, da der lediglich hilfsweise gestellte Klageantrag zeigt, dass die Kläger tatsächlich zu keinem Zeitpunkt ab Klageerhebung ein Interesse an einem Platznachweis durch die Beklagte hatten, so dass dem Antrag von Anfang an das Rechtsschutzinteresse fehlte.

Im Übrigen beruht die Kostenentscheidung auf § 154 Abs. 1 VwGO.

Das Verfahren ist gemäß § 188 Satz 2, 1. Halbsatz VwGO gerichtskostenfrei.

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(1) Das Gericht hat im Urteil oder, wenn das Verfahren in anderer Weise beendet worden ist, durch Beschluß über die Kosten zu entscheiden. (2) Ist der Rechtsstreit in der Hauptsache erledigt, so entscheidet das Gericht außer in den Fällen des § 113

Verwaltungsgerichtsordnung - VwGO | § 154


(1) Der unterliegende Teil trägt die Kosten des Verfahrens. (2) Die Kosten eines ohne Erfolg eingelegten Rechtsmittels fallen demjenigen zur Last, der das Rechtsmittel eingelegt hat. (3) Dem Beigeladenen können Kosten nur auferlegt werden, wenn er

Verwaltungsgerichtsordnung - VwGO | § 113


(1) Soweit der Verwaltungsakt rechtswidrig und der Kläger dadurch in seinen Rechten verletzt ist, hebt das Gericht den Verwaltungsakt und den etwaigen Widerspruchsbescheid auf. Ist der Verwaltungsakt schon vollzogen, so kann das Gericht auf Antrag au

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